Feldnotiz #7

Ein Bild sagt tausend Worte.
Und manchmal bricht es ein Tabu.
Feldnotizen beschreiben Situationen aus meiner Beratungsarbeit, die mir besonders in Erinnerung geblieben sind – weil sie für mich lehrreich, erhellend oder auf andere Weise bezeichnend waren. Sie erscheinen hier im Rhythmus ihres Entstehens. Die geschilderten Situationen habe ich selbst erlebt. Personen und Details sind so verändert, dass Rückschlüsse auf Beteiligte nicht möglich sind. Liegt das Geschehen weniger als zehn Jahre zurück, bitte ich zudem meine Auftraggeberinnen und Auftraggeber um ihr Einverständnis.
«Wie gesagt, mein Team wünscht sich eine Fortbildung in Reflexionsmethoden für Gruppen. Möchten Sie Kaffee, Tee, ein Wasser?»
«Ein Glas Wasser, gerne still, danke.»
Die gastfreundliche Frau setzt sich zu mir an den runden Tisch, hinter ihr huscht jenseits der Glasscheiben mit mattierten Streifen ein bunter Schatten vorbei und bleibt stehen. Die Tür öffnet sich. Jemand steckt fragend den Kopf hinein.
«Jetzt nicht, ich komme später zu dir.»
Der Umgangston klingt freundlich familiär, doch mit leicht gereiztem Unterton. Die Teamleiterin wendet sich wieder mir zu, lächelt und versichert, dass alle diese Idee gutheissen. Sie natürlich auch. Ich frage nach, wie die Idee geboren wurde.
«In einer Teamsitzung vor etwas sechs Wochen. Da wir ohnehin dieses Jahr noch zwei Tage für eine gemeinsame Weiterbildung geplant haben und ab und zu im Haus selbst Teamworkshops moderieren, wollen wir unseren Werkzeugkasten erweitern. Nicht immer mit Karten und Pinnwänden, Sie wissen schon.»
Wir kommen ins Gespräch. Ihr Team in der Personalabteilung eines traditionsreichen Versandhauses konzipiert und organisiert die Trainee-Programme in direkter Absprache mit dem Personalvorstand. Daneben moderieren sie Teamworkshops und werden als interne Berater zu diversen Führungsthemen angefragt. Sie bekommen gute Rückmeldungen aus dem Haus und sehr gute Rückmeldungen von ihrem Vorgesetzten.
Sie vertraut mir an, dass es nicht immer ganz einfach ist, interne Beratungsdienstleistungen im Angestelltenverhältnis anzubieten. Zwei Hüte, die mitunter zu unvereinbaren Erwartungen einladen.
«Als Angestellte soll ich delegierte Aufgaben geräuschlos und fristgerecht erledigen, als Beraterin jedoch hinterfragen, neue Perspektiven eröffnen, Muster unterbrechen. Das gefällt nicht allen. Das geht mir so, und meinen Mitarbeitenden auch. Aber das halten wir schon aus. Müssen wir», seufzt sie und schaut kurz zur Decke.
«Naja, dafür wird uns nicht langweilig, und grundsätzlich sind wir im Haus gefragt. Und das soll auch so bleiben. Deshalb wollen wir unseren Methodenkoffer erweitern, neue Reflexionstools kennenlernen. Da wurden Sie uns empfohlen.»
«Ach übrigens», sagt die Teamleiterin mir beim Abschied an der Pforte. «Es könnte sein, dass die überraschende Kündigung einer Kollegin auch zum Thema wird. Ich will es nicht forcieren, aber wenn es kommt, soll der Raum dafür sein.»
Drei Wochen später findet der Workshop statt. Sechs Personen insgesamt. Die Teamleiterin und ihre fünf Mitarbeitenden.
Wir sind gut in den ersten Vormittag gestartet. Die Atmosphäre stimmt. Das Mittagessen fein. Jetzt ist Nachmittag.
Wortlos schiebe ich eine grosse Kiste mit Holzklötzen in die Raummitte. Dazu stelle ich eine kleinere, randvoll gefüllt mit Holzfiguren sowie die jahrzehntealte Knopfsammlung meiner Grossmutter in einer alten Zigarrenkiste. Dazu lege ich Geschenkbänder, Klebestifte, Wickeldraht, Watte, Scheren, Buntstifte und Moderationskarten unterschiedlicher Grösse und Couleur.
Es wird still, die Atmosphäre dicht. Die unausgesprochene Frage im Raum: «Was hat er denn jetzt mit uns vor?»
«Eure Aufgabe wird nun sein, jeweils jeder für sich allein euer Team aufzustellen. Mit Hilfe dieser Materialien. Auf einem leeren Flipchart. Ihr könnt es beschriften, ihr könnt falten, kleben, Figuren auf Holzklötze oder daneben stellen. Kurzum: stellt eure gefühlte Wirklichkeit dar. Lasst euch überraschen, was entsteht.»
«Damit wir nachher die Bilder vergleichen können, schreibt auf weisse Klebepunkte jeweils die Initialen der Person, für die eine Holzfigur steht, und klebt ihr diese auf den Kopf. Gesprochen wird nachher, jetzt gebaut. Noch Fragen?»
Nach zwanzig Minuten Stillarbeit sind alle fertig. Sechs Flipcharts mit ganz unterschiedlichen Teamlandschaften sind entstanden. Wir machen einen Rundgang, wie in einer Galerie.
Jene, die ein Bild nicht selbst geschaffen haben, betrachten es und sagen, was auffällt. Was sehe ich, was wundert mich, was löst es in mir aus?
Und was fällt allen auf? Es springt uns allen in die Augen: Auf vier von sechs Bildern, so unterschiedlich sie ansonsten sind, steht die Teamleiterin ungewöhnlich nah bei demselben Mitarbeitenden. Es ist ihr Stellvertreter. Auf dessen Bild und ihrem stehen sie sich eher fern.
Ich frage in die Runde. Wie sie sich dies erklären können. Schweigen.
«Sieht nach starkem Führungstandem aus», sagt jemand grinsend.
«Oder einem Paar», bricht es aus jemandem heraus. «Ist doch klar! Jeder weiss es, aber niemand spricht darüber. Jetzt müssen wir!»
Das Eis ist gebrochen, die Atmosphäre dicht. Das Team hätte einbrechen können. Stattdessen stellen sich alle dem Offenkundigen. Auch die beiden, jeweils auf ihre Weise. Die Teamleiterin: Sie ist sichtlich betroffen. Und wirkt zugleich erleichtert. Sie spielt nervös mit einem Bleistift, der zu Boden fällt. Sie schaut zu ihm hinüber, ihrem Stellvertreter. Er beteuert hastig, sie hätten Arbeit und Privatleben konsequent getrennt. Das sehen nicht alle so.
Ein guter Teil des Nachmittags wird rege über die Auswirkungen ihrer Beziehung auf die Teamdynamik gesprochen. Auch über die Kollegin, die gekündigt hatte – weil sie sich bei einer Entscheidung zugunsten des Partners der Teamleiterin übergangen fühlte. Zu Unrecht, wie sie damals fand. Die Gründe blieben im Dunkeln. Man munkelte. Nun ja, kommt vor. Verletztes Ego vielleicht, meinte damals jemand lapidar. Es war der Stellvertreter gewesen. Zufall? Nun erscheint alles in neuem Licht. Grell und nicht mehr zu leugnen.
Eine telefonische Nachbesprechung zwei Wochen später: Sie sei froh, dass es endlich raus sei. Wie sehr, sei ihr erst in den Tagen nach dem Workshop klar geworden. Ihr Stellvertreter werde Konsequenzen ziehen und das Team demnächst verlassen. Freiwillig, versichert sie mir.
«Was ist denn?» Eine gedämpfte Stimme im Hintergrund. «Jetzt nicht!», höre ich sie sagen. Gereizter Unterton.
Ich glaubte ihr, dass sie es glauben wollte.
Juni 2026